Interview

DIE ZUR ROSE-GRUPPENLEITUNG IM GESPRÄCH:

(VON LINKS NACH RECHTS)

MARCEL ZIWICA (CFO ZUR ROSE GROUP),
WALTER OBERHÄNSLI (CEO ZUR ROSE GROUP),
WALTER HESS (GESCHÄFTSFÜHRER ZUR ROSE),
OLAF HEINRICH (CEO DOCMORRIS).

Auf Wachstum umgestellt.
Die Umsatzentwicklung im Jahr 2016 bestätigt die Richtigkeit der Investi­tionen in das Wachstum. Zur Rose will auch 2017 hoch hinaus; die Weichen sind gestellt. Ein Rück- und Ausblick der Gruppenleitung.

Gesprächsleitung: Medard Meier

«Der Entscheid des Europäischen Gerichts­hofs pro Boni ist einer pro Patienten.»

Olaf Heinrich

«Wir verfügen über eine Kapitalbasis, die uns Investitionen in weiteres Wachstum erlaubt.»

Marcel Ziwica

«Die Kooperation mit der Migros ist für die Um­setzung unserer Omni- Channel-Strategie ein Meilenstein.»

Walter Hess

«Wir glauben an eine Veränderung der Regulatorien im Zuge der Digitalisierung zu unseren Gunsten, da wir Kundennutzen stiften.»

Walter Oberhänsli

Zur Rose hat 2016 für erfreuliche Schlagzeilen gesorgt. Welches waren für Sie die Höhepunkte?

Walter Oberhänsli — Die erfolgreiche Kapitalerhöhung mit dem Einstieg von Corisol als strategischem Investor sowie der bahnbrechende Entscheid des Europäischen Gerichtshofs, dass das deutsche Festpreis- system im europäischen Kontext wettbewerbswidrig und damit für EU-ausländische Versandapotheken nicht anwendbar ist. Auch wenn der Regulator in Deutschland postwendend eine Gesetzesrevision zum Schutz der Apotheken in Aussicht gestellt hat, glauben wir fest daran, dass die angestossene Liberalisierung kaum mehr rückgängig gemacht werden kann.  

Olaf Heinrich — Es war ein ausserordentliches Jahr. Nach dem langjährigen Streit entschied der Europäische Gerichtshof in Anerkennung des Subsidiaritätsprinzips zu­gunsten der Patientinnen und Patienten. Das haben wir stets betont, und deshalb sind wir natürlich froh, dass unsere langjährig formulierte Rechtsauffassung auch bestätigt worden ist. Der Entscheid pro Boni ist einer pro Patienten. Insbesondere chronisch Erkrankte profitieren von der finanziellen Entlastung beim Medikamentenkauf.

Zum Abschluss des Geschäftsjahrs 2015 hatten Sie auf die nicht ganz optimale Bilanz der Zur Rose-Gruppe hingewiesen. Sind Sie nun zufrieden?

Marcel Ziwica — Ja, alles verlief nach Plan, indem wir die Kapitalerhöhung von 40 Millionen Franken vollziehen konn­ten. Damit verfügen wir über eine Kapitalbasis, die uns Investitionen in weiteres Wachstum erlaubt.

Im Schweizer Markt dürfte der Handschlag mit der Migros ein ganz besonderes Ereignis gewesen sein?

Walter Hess — Absolut! Diese Kooperation bedeutet für die Umsetzung unserer Omni-Channel-Strategie einen Meilenstein. Mit Shop-in-Shop-Apotheken in Migros-Filialen decken wir die Bedürfnisse unserer Kunden und Patienten noch besser ab.

Wie ordnen Sie das negative Jahresergebnis der Zur Rose-Gruppe ein?

Oberhänsli — Es sind zwei Effekte zu beachten. Bis zum dritten Quartal lag das Ergebnis auf Gruppenebene deutlich über dem Vorjahr. Eine sehr gute Leistung! Im vierten Quartal legten wir die Hebel auf Wachstum um, was mit beträchtlichen Investitionen und Marketingaufwendungen verbunden war. Das negative Ergebnis ist Teil unserer Wachstumsstrategie.

Hess — Das operative Geschäft in der Schweiz entwickelte sich gut. Besonders erfreulich ist das fortgesetzte Wachstum in unserem Kerngeschäft – der Belieferung von den Ärztinnen und Ärzten mit Medikamenten. Auch das Retailgeschäft wuchs weiter und konnte durch die Eröffnung der ersten Flagship-Apotheke in Bern zusätzlich gestärkt werden. Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, haben wir weiter­hin in die Logistik und die IT investiert.

Heinrich — Auch DocMorris blickt auf ein erfreuliches Jahr zurück. Das Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln beschleunigte sich weiter. Wir konnten den Umsatz um 50 Prozent steigern, liegen nun bei über 100 Millionen Euro und wollen auch weiterhin über dem Markt wachsen. Der Versand verschreibungspflichtiger Medikamente entwickelte sich wie in den Vorjahren in den ersten drei Quartalen sehr verhalten. Mit unserer TV-Kampagne und dem positiven Entscheid des Europäischen Gerichtshofs änderte sich dies jedoch im letzten Quartal. Wir konnten aufgrund der bonusorientierten Werbemassnahmen zulegen und neue Kunden gewinnen. Die Investitionen in das Wachstum erweisen sich als richtig.

Wie haben sich die Margen entwickelt?

Ziwica — Im deutschen Markt hat sich der Wettbewerb insbesondere im Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln akzentuiert. Dem wirken wir durch Skaleneffekte auf der Aufwandseite entgegen. Dank der Volum­ensteigerung ergeben sich signi­fikant bessere Kostenrelationen. Unsere Investitionen sind wegweisend.

Hess — In der Schweiz sind die Preise für rezeptpflichtige Medikamente bekanntlich durch den Regulator gedeckelt. Zusammen mit den regelmässigen Preissenkungs­runden des Bundesamts für Gesundheit sind sowohl die Margen wie auch die Umsätze stetig unter Druck. Umso wichtiger ist es, dass wir über effiziente Prozesse verfügen und diese fortwährend optimieren.

Heinrich — Zwar ist das Wachstum im Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten ungebrochen. Der hoch attraktive deutsche Markt zieht jedoch auch neues Kapital an, was zu neuen Modellen führt. Im verschreibungspflichtigen Bereich sind Arzneimittelpreise und Vergütung reguliert. Entsprechend müssen wir alles daran setzen, die Kosten tief zu halten. Die Marktbelebung dank des Gerichtsentscheids hilft uns jetzt, die Mengen auszuweiten.

Können Sie vom liberalisierten Markt auch anderswo profitieren?

Heinrich — Für uns als Versandapotheke öffnen sich in der Tat neue Absatzgebiete.

Oberhänsli — Vor uns liegt ein grosses Wachstumsfeld sowohl in Deutschland als auch in Europa.

In der kleinräumigen Schweiz mit liberalen und weniger liberalen Kantonen haben Sie mit anderen Voraussetzungen zu kämpfen. Wie wirkt sich dies auf Ihr Geschäft aus?

Hess — Insbesondere im Ärztegeschäft ist Bewegung im Gang. Auf Seiten der Ärzte-­Belieferer findet eine Marktkonsolidierung statt, was uns zusätzliche Chancen eröffnen wird. Auch die Zahl der Arztpraxen nimmt demografiebedingt ab. Dafür wächst die Anzahl der Gruppenpraxen. Dank massge­schneiderter Dienstleistungspakete ergeben sich daraus ebenfalls positive Effekte.

Oberhänsli — In der Gesamtperspektive ist die Stabilität unseres Kerngeschäfts erfreulich. Dieses gibt uns Beweglichkeit und Kraft, laufend in die identifizierten Wachstumsmärkte zu investieren. Zur Rose als traditionell arztnahes Unternehmen konnte diese gewachsene Bindung verstetigen. Auf der Aktionärsseite kommt es zwar durch die laufenden Pensionierungen der Ärztinnen und Ärzte zu einer gewissen Ausdünnung unseres Gründerkreises. Dank des neuen Ankeraktionärs Corisol bleibt das Aktionariat jedoch stabil.

Die Digitalisierung ist so etwas wie der Pulsschlag einer Versandapotheke. Was ist 2016 Neues hinzugekommen?  

Heinrich — Wir sind insgesamt viel digi­taler geworden, und wir lernen täglich dazu, wie e-Health funktioniert. Es ist ein langer Prozess – auch für unsere Kunden. Das sehen wir beispielsweise beim Einsatz unserer App, die wir deutlich verbessern konnten. Wir haben gesehen, dass es nicht genügt, ein Medikament einfach von A nach B zu versenden. Der Kunde erwartet zusätzliche Dienstleistungen. Das rasante Wachstum im Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln verdanken wir zu einem grossen Teil der Digitalisierung, insbesondere im organisatorischen Bereich. Weiter zahlt sich der Einsatz unseres Video-Live Chat immer mehr aus.

Hess — In der Schweiz arbeiten wir ebenfalls intensiv daran, die Digitalisierung vorwärtszutreiben. In den kommenden zwei Jahren soll die gesamte Basistechno­logie erneuert werden. Das wird unseren Ärzten zusätzlichen Nutzen bringen, indem wir sie beispielsweise noch besser bei der pharmazeutischen Betreuung ihrer Patienten unterstützen können.

Doch im Moment dürften Sie sich wohl vermehrt um die Expansion kümmern, die aufgrund der Kooperation mit der Migros vorgezeichnet ist.

Oberhänsli — Dass wir die Migros als Partner mit grosser Strahlkraft für unsere Shop-in-Shop-Apotheken gewinnen konn­ten, ist nicht selbstverständlich. Beim Kauf von Medikamenten steht bekanntlich stets die Frage des Vertrauens im Zentrum. Etwas Besseres als das Migros-Umfeld kann man sich dabei gar nicht wünschen. Den Kundinnen und Kunden ermöglichen wir ein One-Stop-Shopping sowie die Möglichkeit, Medikamente online zu bestellen und sie vor Ort abzuholen.

Wie sieht das in Deutschland aus?

Heinrich — Wir dürfen wegen des geltenden Fremdbesitzverbots keine Apotheken eröffnen. Allerdings prüfen wir Kooperationsmodelle mit bestehenden Apotheken auf der Basis von digitalen Vernetzungen. Wir denken da unter anderem an eine Rundumbetreuung des Patienten, unabhängig davon, für welchen Bezugskanal für seine Arzneimittel er sich entscheidet. Im Gesundheitssystem der Zukunft wird es kaum mehr Insellösungen geben.

Oberhänsli — Die Regulatorien werden sich im Zuge der Digitalisierung ebenfalls verändern – auch in Deutschland. Wir glauben an eine Veränderung zu unseren Gunsten, da wir Kundennutzen stiften. Die deutsche Bundeskanzlerin hat prominent darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung, wie am Beispiel Uber festgemacht, von der Politik ermöglicht werden müsse. Wir vertrauen auf diese fundamentale Erkenntnis.

Was leitet der Finanzchef aus der Entwicklung ab?

Ziwica — Die starken Bewegungen im Markt zwingen uns, auch auf der Finanzseite beweglich zu sein. Die Kapitalerhöhung hat nicht nur unser Bilanzbild deutlich aufgehellt, die Eigenkapitalquote liegt um zehn Prozent höher. Auch der Spielraum für Fremdfinanzierung hat sich ausgeweitet. So war es für DocMorris in Deutschland möglich, eine TV-Kampagne in zweistelliger Millionenhöhe zu starten, und für Zur Rose in der Schweiz die Umsetzung der Omni-Channel-Strategie anzugehen.

Und vor welchem Hintergrund ist diese Entwicklung zu sehen?

Oberhänsli — Der Versandhandel und die multioptionale Vernetzung der Absatzkanäle nimmt zu. Unter diesem Aspekt sind wir gut aufgestellt.